Fallberichte
„Er ist viel mutiger als ich“ – wenn ein festgefahrenes Familiensystem wieder in Bewegung kommt
Als Familie B. das erste Mal in unsere Praxis kam, lagen zwischen Mutter, Vater und ihrer 16-jährigen Tochter Lena kaum noch Worte – nur Erschöpfung und Misstrauen. Lena verweigerte seit Monaten die Schule und zog sich vollständig in ihr Zimmer zurück. Was folgte, war eine 14-monatige systemische Familientherapie, die zeigte: Veränderung gelingt nicht durch Reparatur – sondern durch Verstehen.
Die Ausgangssituation
Druck, Rückzug, Erschöpfung
Das Jugendamt war bereits involviert, eine Clearingphase abgeschlossen. Die Kosten wurden als Hilfe zur Erziehung nach § 27 SGB VIII übernommen. Beide Eltern hatten bereits Erfahrungen mit dem Hilfesystem – der Vater kam mit Skepsis, die Mutter mit Hoffnung, weil sie musste.
Der ursprüngliche Auftrag an die Therapeutin lautete: Erklären Sie uns, warum Lena so ist. Dieser Auftrag konnte nicht angenommen werden – nicht weil er falsch war, sondern weil er die Familie in Täter und Opfer aufteilte.
Ich hatte das Gefühl, wir sollen alle repariert werden. Hier hat mir zum ersten Mal jemand erklärt, dass das nicht so ist.
Vertrauen aufbauen
bevor irgendetwas verändert werden kann
Die ersten Sitzungen gehörten ausschließlich dem Beziehungsaufbau. Mit zirkulärer Befragung wurden Muster sichtbar.
Wenn Lena sich zurückzieht:
- Wie reagiert die Mutter?
- Und was macht das mit dem Vater?
Das Genogramm wurde nicht als Diagnosewerkzeug genutzt, sondern als Landkarte für Ressourcen.
Das anfänglich hohe Sitzungskontingent von sechs Fachleistungsstunden pro Woche erwies sich als überfordernd. In Absprache mit dem Jugendamt wurden die Termine auf drei bis vier pro Woche reduziert. Eine Entscheidung, die dem System gut tat.
Muster benennen
der Lob-Ninja und das schwarze Schaf
In Sitzung 5 machte die Lob-Ninja-Intervention sichtbar, dass Anerkennung in der Familie kaum ausgesprochen wurde – und wenn, dann sofort relativiert. Die Familienskulptur machte spürbar, wie weit die drei voneinander entfernt waren.
Lena formulierte in einer bewegenden Sitzung, sie erlebe sich als schwarzes Schaf, das nie etwas richtig machen kann. Die Mutter blieb in Tränen zurück – nicht aus Schwäche, sondern weil sie zum ersten Mal verstand, dass ihre Kritik als Ablehnung ankam.
Die Arbeit an der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg – das GFK-Tanzparkett – gab den Sätzen einen neuen Rahmen: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Nicht als Technik, sondern als neue Sprache.
Stabilisierung
In den letzten Sitzungen erarbeitete die Therapeutin gemeinsam mit der Familie eine Therapiespeisekarte. Jedes Familienmitglied schaute zurück:
- Wo standen wir?
- Was hat sich verändert?
Als Symbol für sich selbst wählte die Familie ein Bild mit offenen, bunten Farbtöpfen. Jede Farbe steht für sich – und zusammen entsteht etwas Schönes.
Wir sind nicht fertig. Aber wir können jetzt miteinander reden, ohne dass danach tagelang Schweigen herrscht. Das ist für uns ein riesiger Schritt.
Was dieser Prozess zeigt
Systemische Familientherapie repariert niemanden. Sie schafft Raum, in dem Muster sichtbar werden – und Menschen entscheiden können, was sie damit machen. Der Schlüssel bei Familie B. war nicht eine Technik, sondern die Bereitschaft aller drei, die Perspektive der anderen auch nur für einen Moment einzunehmen. Das ist oft mehr, als es zunächst klingt.
Kein Weg ist wie der andere – aber der erste Schritt ist immer ein Gespräch. Bei JUNA finden Sie einen Rahmen, in dem alle Beteiligten gehört werden und gemeinsam etwas Neues entstehen kann.